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Musiktipp

Heisskalt – Idylle

Einstürzen, neu bauen, anders geht es als junge Rockband eigentlich nicht. Ein Missverständnis, an dem das Genre im Moment krankt, besteht in der Annahme, es könne nur eine tatsächliche Neuerfindung der Gitarrenmusik oder eben die gemütliche Reproduktion eines einmal gewählten Schemas geben, sonst nichts. Interessant wurde es in den vergangenen Jahren aber konsequent dort, wo junge Bands ihre Grenzen beharrlich austesteten und zumindest den Eindruck vermittelten, aus den bestehenden Verhältnissen ausbrechen zu wollen. Heisskalt haben sich bereits mit ihrem zweiten Album „Vom Wissen und Wollen“ für diese Kategorie empfohlen, mit dem Nachfolger gelingt nun der endgültige Eintritt.

Wo sie ihren melodiösen Post-Hardcore zuletzt konsequent in die Breite trieben und bisweilen den Eindruck vermittelten, hier eine zukunftsfähige Identität gefunden zu haben, prägt „Idylle“ vor allem Instabilität. Produziert haben Heisskalt die Platte im Alleingang, vielleicht kommt daher auch der rohe Klang, durch den vor allem die Gitarren gewinnen. Wichtig ist dieser nämlich nicht zuletzt, weil das Trio die Zahl der tatsächlichen energetischen Ausbrüche radikal reduziert hat. Statt etwa erneut mit einem überlangen Post-Hardcore-Epos wie „Papierlunge“ zu enden, darf der Closer „Herbstlied“ dieses Mal ganz behäbig auf wenigen Gitarrenfiguren beharren, bevor das Album still erlischt wie Glut im Nieselregen.

Klassische laut/leise Schemata gibt es kaum noch, stattdessen steigern sich Heisskalt organisch in ihre Wut hinein („Wiederhaben“), lassen ihre Songs von Feedback fressen (hervorragend: „Du denkst ich lächle dich an doch mich blendet die Sonne“) oder in Effektgewitter erstrahlen („Wie Sterne“). „Idylle“ lässt bei diesen Experimenten mit Sound und Struktur viel Eingängigkeit hinter sich, findet dabei aber zu einer eigenen Sprache, die ihre üppige Plattensammlung nicht verneint, sondern einfach gut einsetzt. In besonderem Maß gilt das für Sänger Mathias Bloech, der in Songs wie „Tapas und Merlot“ die alte Frage nach dem Status Quo seiner Generation mit frischem Vokabular stellt, sich aber vor allem stimmlich durch die letzten 30 Jahre deutschsprachiger Rockmusik arbeitet, ohne je nach billiger Kopie zu klingen.

Das Trio hat die Zahl der tatsächlichen energetischen Ausbrüche radikal reduziert.

Track List

1  Bürgerliche Herkunft
2  Wiederhaben
3  Tapas und Merlot
4  Idylle
5  Fest
6  Du denkst ich lächle dich an doch mich blendet die Sonne
7  Tassenrand
8  Wie Sterne
9 Herbstlied