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Musiktipp

Suede – The Blue Hour  

Neben den bewährten Konzepten "konstanter Qualitätsverlust", "kreative Stagnation" und "ewige Abschiedstour" hat sich in den letzten Jahren ein neues Modell für alternde Rockbands durchgesetzt: die unverhoffte Rückkehr nach eigentlich vollendeter Selbstdemontage. Bestes Beispiel sind Suede, die Ende der 80er erst an der Vorbereitung des Brit-Pop-Revivals beteiligt waren, dann eine Dekade lang in der immer noch ziemlich grell beleuchteten zweiten Reihe des Hypes verbringen durften, wo es sie dann jedoch in der Folge zwischen Drogen, gestiegenen Erwartungen und versiegender Kreativität zerlegte. Als sie vor fünf Jahren nach mäßig erfolgreichen Soloprojekten und für Bands ihrer Größe fast obligatorisch gewordenen Reunionshows mit "Bloodsport" auch noch neue Musik vorlegen wollten, hielt sich die Begeisterung in Grenzen, doch die Bedenken erwiesen sich als unbegründet: Suede hatten von der Pause profitiert, mussten keinen Trends mehr folgen, waren aus der Zeit gefallen und dabei an einen einzigartigen, düster-schimmernden Sound gelangt.

Dieser steht nun spätestens auf "The Blue Hour" in voller Blüte, gerade weil das Quartett bei aller gewohnten Grandezza die Möglichkeit, hier ein Opus Magnum zu liefern, stets lediglich andeutet. Die opulenten Streicher lösen sich Mal um Mal in ergreifenden Rocksongs auf, die wiederholt eingestreuten Field Recordings berichten von entführten Kindern und toten Tieren, ohne sich zu einer zusammenhängenden Geschichte zu formieren, und Brett Anderson findet stets die richtige Balance zwischen ernster Rockoper und augenzwinkerndem Glam in seiner Stimme. Es sind schmale Gratwanderungen, in denen sich das Quintett unter der Ägide Alan Moulders hier bewegt, zumal das Bild von den zwielichtigen Stunden zwischen Tag und Nacht, die hier eingefangen werden sollen, auf den ersten Blick recht abgegriffen wirkt.

Doch wie Suede vom gothischen Synthieklirren "Chalk Circle" in den sicheren Indierocker "Cold Hands" leiten, das schunkelige "Life Is Golden" ebenso vor überbordendem Pathos schützen wie das japsende "Wastelands", und die angesammelte Spannung am Ende mit "Flytipping" ebenso feinfühlig wie bombastisch auflösen, belebt die aufgerufenen Motive und herbeibeschworenen Klimaxen mit einer Energie, die den meisten anderen Alterswerken abgeht.

"Marauder" selbst folgt aber keinem roten Faden

Track List

1  As One
2  Wastelands
3   Mistress
4   Beyond The Outskirts
5   Chalk Circles
6   Cold Hands
7   Life Is Golden
8   Roadkill
9   Tides
10   Don’t Be Afraid If Nobody Loves You
11   Dead Bird
12   All The Wild Places
13   The Invisibles